Dresdner Architekt, Designer, Lehrer und großer Zeichner, Winzer und Lebenskünstler

Ansicht von Dresden um 1650

Ich wollte ursprünglich über den Architekten Professor Helmut Trauzettel im Rahmen meines Artikels über das Bauhaus schreiben. Das Bauhaus war in vielerlei Hinsicht an Trauzettels Leben beteiligt. Er begann seine Ausbildung zum Architekten in Weimar in den ursprünglichen Räumlichkeiten des Bauhauses. Er stand sowohl während der DDR als auch nach der deutschen Wiedervereinigung in ständigem Kontakt mit dem Bauhaus und seinen verschiedenen Projekten.

Das Thema vertiefte sich jedoch, da Helmut Trauzettel sowohl während als auch nach der DDR mein längster Bekannter und auch mein Freund war. So schrieb ich diesen Artikel über Helmut, grossen Liebhaber Dresdens.

Canaletto: Die Elbe bei Dresden, 1748

Trauzettel erinnerte daran, dass die Verantwortung von Gesellschaften wie dem Stadt- und Wohnungsbau nicht durch bloße Designprobleme oder durch gewinnbringende kapitalistische Methoden gelöst werden kann. Wenn die Lösungen jedoch ohne die Qualitätsanforderungen des Designs – ohne Sinnlichkeit und ein bisschen Humor – hergestellt werden, werden nur unmenschliche Lösungen entstehen, die auf wirtschaftlichen Erwägungen beruhen.

Das Hauptziel von Helmut Trauzettel war eine internationale Zusammenarbeit, die die Ergebnisse von Design und Konstruktion so formt und löst, dass soziale, wirtschaftliche, künstlerische und ökologische Aspekte optimiert werden.

Ich werde Trauzettels Studien, Pläne oder städtische Räume und Gebäude, die diese Ziele erreicht haben, nicht vorstellen. Mit diesem Text möchte ich das Bild von ihm als lebendigem Humanisten zeichnen, einem Lebenskünstler, der mit vielen Kulturen vertraut war. Nur über seine Arbeit, Bautzens urbane Tradition zu retten und zu aktivieren, werde ich etwas mehr schreiben.

Zuhause an den Hängen der Elbe

In den frühen Tagen meiner Bauhausreisen nach Dessau und Weimar in den frühen 1970er Jahren lernte ich Helmut Trauzettel kennen, der 1946 sein Studium am Geburtsort des Bauhauses an der heutigen Weimarer Hochschule für Baukunst und Bildende Künste (HAB) begann. Wir wurden bald lebenslange Freunde.

Trauzettel und seine Familie lebten zu dieser Zeit in Dresden am Nordosthang der Elbe. Es wurde vom Stadtzentrum über eine alte Stahlbrücke namens Blaues Wunder erreicht. Die Brücke wurde 1893 fertiggestellt und war eine der ersten Stahlbrücken ohne Flusssäulen und die Elbe floss offen darunter hindurch. Die Struktur, eine versteifte dreigliedrige Hängebrücke aus Stahl, war auch die erste in Europa. Bis 1924 wurden Brückenkreuzer berechnet: 2 Pfennig für Wanderer und Radfahrer, 10 Pfennig für Pferdekutschen und 20 Pfennig für Autos.

Wiederbelebung des Weinberges

Von der Brücke ging es mit der Seilbahn weiter zur Bergbahnstraße. Am Ende der Strecke im Stadtteil Weisser Hirsch befand sich ein bekanntes und traditionelles Restaurant namens Luisenhof. In den 1930er Jahren hatte es am unteren Hang des Restaurants noch einen lukrativen Weinberg gegeben. Die Ernten froren jedoch ein und blieben dann zu Füßen der Kriege. Helmut rodete mit seinen fünf Söhnen den Weinberg und pflanzte neue Trauben. So erholte sich der nördlichste Weinberg der damaligen DDR.

Helmut renovierte das alte Weinverarbeitungsgebäude zu einem hellen Atelier mit Sauna und Pool. Beim Schwimmen hatte man einen tollen Blick über die Dresdner Altstadt.

Die besten Voraussetzungen, um sich als Gast von Trauzettel wohl zu fühlen , waren also vorhanden. Ich habe seine Gastfreundschaft einmal mit dem damaligen CEO des Finnish Construction Board, Kalevi Sassi genossen, der während seiner Amtszeit als CFO des Housing Board als ”Vater“ der finnischen Wohnungsmesse galt. Wir waren zusammen auf einer Reise, um die Idee der Wohnungsmesse in die DDR zu bringen.

Bereits Anfang der 1960er Jahre hatten Helmut und seine Söhne eine alte, fast zerstörte Windmühle auf der Ostseeinsel Hiddensee, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts erbaut worden war, zu einer Sommerresidenz umgebaut und renoviert.

Das Buch ”Hiddensee Geschichten von Land und Leute“, Renate Seydel, Ullstein 2000, enthält 20 Textseiten über die Helmut-Mühle und Herrmann Henselmanns Artikel ”Zu Besuch bei Trauzettels in der Mühle 1968“.

Einladung nach Finnland  

Meine Bekanntschaft mit Helmut Trauzettel vertiefte sich um die Wende der 1970er und 1980er Jahre weiter. Helmut war lange Zeit ein beliebter Professor an der Technischen Universität Dresden gewesen, hatte sich jedoch immer geweigert, eine politische Rolle zu spielen. Am 4. Januar 1981 erhielt ich einen sehr offiziellen, aber freundlichen Brief vom Institut für Architektur der Technischen Universität Dresden von o. Prof. Dr. Ing. Habil. H. Trauzettel, Lehrstuhl Gesellschaftsbauten.

Trauzettel fragte vorsichtig, ob ich ihn nach Finnland einladen könne, um Bilder für sein bevorstehendes Buch ”Im Zauberland des Sampo, Reisebilder aus Finnland” zu erhalten. Grundvoraussetzung für den Erfolg solcher Reisen in der DDR war die Einladung eines Staatsbürgers dieses Landes. So wurde die Einladung vorbereitet:

Sehr geehrter Herr Kollege Pertti Solla!

Meine guten Wünsche für Sie zum Jahresanfang 1980 verbinde ich mit dem Dank für Ihre freundliche Übersendung des Aalto-Kataloges und der Safa-Veröffentlichung des Seminars von 1978 über Architektur und Städtebau in Finnland. Beides hat mich umso mehr interessiert, da ich Aussicht auf einen längeren Studienaufenthalt in Finnland habe. Es grüßt

Sie sehr freundlich Ihr Helmut Trauzettel

Nach Erhalt der Einladung erhielt Trauzettel die Erlaubnis für eine einmonatige Tour. Er wohnte als unser Gast in Helsinki, war aber ständig unterwegs in Finnland, zeichnete und schrieb.

Helmuts Bildbrief 1

Ich habe im Laufe der Jahre einige Trauzettel – Briefe erhalten, deren andere Seite eine beeindruckende Handskizze zeigt.Der erste Bildbrief stammt aus Dresden um die Jahreswende 1979-80: 

Das Blatt ist bezeichnet ”Zweite Ausgabe des Planes der hängenden Gärten am Weißen Hirsch”. Der Grundriss der hängenden Gärten wird im Maßstab 1: 400 angezeigt.

Die Zeichnung beginnt links am Eingang zur Wohnung von Trauzettels und führt durch den Park, den Weinberg, die Pavillons und die Sitzbereiche zum Hangweg. Das Bild wird von üppigen Winzern mit ihren Kindern gekrönt. In der Mitte steht: Ein durchsonntes gesundes Neues Jahr, fruchtbares Wachsen guter Ideen,  Kraft und Mut sie durchzustehen  und verdienter Erfolg als Lohn freudigen Schaffens.

Zusammentreffen von Schulkameraden in Hvitträsk

Bei seiner ersten Reise nach Finnland hatte Trauzettel keine Zeit für Åland, was er in sein Buch aufnehmen wollte. Wieder eine neue Einladung und Reise, jetzt auf eine neue Art und Weise. Seine Frau Hannelore war gerade 60 Jahre alt geworden. Zu dieser Zeit erlaubte die DDR-Praxis einer Frau im Ruhestand, mit ihrem Ehemann ins Ausland zu reisen, jedoch nur nach Erhalt einer Einladung.

Gleichzeitig waren Elke Linde  die Frau von einem Freund meiner Zeit in Karlsruhe, und ihre Tochter, die Architektur studierte, zu Gast bei uns zu Hause. Der verstorbene Freund, Hans Linde, war Professor für Architektur an der Fachhochschule Biberach.

Als sich Hannelore und Elke aus beiden Teilen Deutschlands trafen, wurde schnell klar, dass sie beide in Leipzig gelebt hatten und zur gleichen Zeit dieselbe Schule besucht hatten.

Von rechts nach links: Pertti, Helmut, Hannelore,  Elke, Rita

Dieser Besuch wurde von einer Familienerinnerung begleitet, die mit Architektur zu tun hat.  Unser Sohn Jaakob hatte sich am Institut für Architektur der Universität Tampere beworben. Er leistete Zivildienst im neuen Kloster Valamo in Heinävesi, Mittelfinnland. Als wir einen Brief von Tampere erhielten, ahnte ich, was es war und öffnete den Brief ohne meinen Sohn um Erlaubnis zu fragen. Ohne etwas zu sagen fuhren wir nach Hvitträsk, dem Haus von Eliel Saarinen und Partnern. Ich bestellte eine Flasche Sekt  und zusammen hoben wir in Saarinens Kaminenecke ein Glas auf Jaakobs Architekturstudium.

Trauzettels Studium und frühe Stadien seiner Karriere

Ich werde jetzt einen kurzen Blick auf den Hintergrund von Helmut Trauzettel werfen.

Trauzettel hatte in den 1940er Jahren sein Studium an der Hochschule für Baukunst und Bildende Künste (HAB Weimar) begonnen. Seine Lehrer zu dieser Zeit waren z.B. die Professoren Siegel, Hassenpflug und Hermann Henselmann, der später unter anderem mit seinen umfangreichen Plänen für die Stalinallee zum führenden Stadtplanungsarchitekten der DDR wurde. Die damals entzündeten Verhältnisse zwischen Ost- und Westdeutschland werden durch eine Veranstaltung mit Hermann Henselmann deutlich. Das Institut für Architektur der Universität Hamburg (auf dessen Professoren Hans Günther Burkhardt und Jos Weber werde ich in meinen anderen Artikeln zurückkommen) wollte Hermann Henselmann als seinen Ehrendoktor nominieren, doch insbesonders die Künstler und Maler der Schule lehnten die Wahl so vehement ab, dass sie aufgegeben wurde.

Trauzettels Diplomarbeit 1950 war gleichzeitig eine erfolgreiche Teilnahme am Architekturwettbewerb ”Wiederaufbau Dresden“. Das Schicksal und die Entwicklung dieser Stadt blieben während Helmuts Lebenszeit Gegenstand seines Interesses an verschiedenen Plänen und Stellungsnahmen.

In den 1950er Jahren arbeitete Trauzettel zunächst als Assistent. Nach seiner Promotion in Kindergartengestaltung und Architektur war er Dozent für Grundlagen der Architektur und des freien Zeichnens an der HAB Weimar und der Technischen Universität Dresden. Anschließend absolvierte er das Habilitationstudium, das seiner zweiten Promotion entsprach und in Deutschland, Österreich, Frankreich, Liechtenstein, der Schweiz und vielen osteuropäischen Ländern für die Zulassung als Universitäts- oder Hochschullehrer erforderlich war.

1962 wurde er an der Technischen Universität Dresden zum Professor der Grundlagen der Architektur eingeladen. 1969 wurde er zum ordentlichen Professor im Bereich Wohnen und öffentliches Bauen ernannt.

Neben seiner akademischen Laufbahn war für Helmut immer das Zeichnen notwendig gewesen. Seit seiner Jugend hatteer seinen Skizzenblock überall dabei. Bereits Ende der 1950er Jahre nahm er aktiv an Kunstausstellungen teil, wobei seine Arbeiten mit Zeichnungen und anderen Techniken hergestellt wurden. Sein Interesse galt vor allem Menschen, vom Landschaftsbau über die Harmonie bis zur Schönheit. Er begründete dies damit, dass er unter anderem sagte: ”Die Architektur ist endlich am perfektesten am Körper einer Frau.

Helmuts Bildbrief 2

Am Ende des Zweiten Weltkriegs, also vierzig Jahre vor dem Schreiben und Zeichnen von Helmut’s zweitem Bildbrief bombardierte die angloamerikanische Luftwaffe wichtige Teile der Stadt Dresden und zerstörte diese fast vollständig.

Dieser Brief aus dem Jahr 1985 zeigt Helmut Trauzettels großes Interesse und seine Sorge um seine Heimatstadt Dresden. Er zeigt mit seiner Zeichnung, wie das Zentrum von Dresden bereits renoviert wurde und wie er selbst vorschlägt, die Renovationen fortzusetzen und schreibt:

Am 13. Februar des ausklingenden Jahres 1985 ist die Semperoper eröffnet worden. Den schönsten Platz der Stadt rahmt nicht nur ein weiteres, aus Ruinen wieder erstandenes Baudenkmal, die Kunststadt Dresden hat das Gehäuse für ihre berühmte Oper im alten Glanze wieder gewonnen. Jetzt stehen am Schloß die Gerüste für die Rekonstruktion.

Zum Gedenken an den 40. Jahrestag der Zerstörung hatten sich bei der Schlüsselübergabe Hunderttausend zu einer Friedenskundgebung auf dem Theaterplatz versammelt und erfuhren von Erich Honecker, daß sich das Wohnungsbauprogramm für Dresden bis 1990 vor allem innerhalb der Kernstadt vollenden soll. Für die Fortsetzung der Straße der Befreiung zum Platz der Einheit wird 1986 der Grundstein gelegt. An dem Projekt arbeitet jetzt die Abteilung von Claudia Schrader. Wir Gesellschaftsbauer der TU haben gemeinsam mit dem Lehrstuhl Tragssysteme einen Entwicklungssprung für die Anwendung der Plattenbauweise in Dresdens Zentrumsgebiet ausgearbeitet.

Für die Bebauung westlich des Postplatzes wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben. Im Grußblatt zum 1983er Jahreswechsel war an dieser Stelle eine große weiße Fläche gelassen. Mit unserer preisgekrönten Lösung gaben wir diesem zentrumsnahen Gebiet die tragende Idee. Das im historischen Stadtgrundriss beengte ”Große Haus“ soll wichtige Funktionsergänzungen, u.a. eine Probe- und Hinterbühne gewinnen. In einem städtischen Freiraum ”Hinter der Bühne“ erhält die Musik- und Theaterstadt Dresden einen Festspielplatz für Aufführungen im Freien und damit einen neuen Erlebnisbereich im Stadtkern, der dem Weg vom Theaterplatz durch den Zwinger um das Schauspielhaus herum fortsetzt.

Mit dem Zuwachs an Wohnungen wird das Zentrum weitere Bewohner beheimaten, wichtig aber ist, daß lebendige Funktionen der Kernstadt wachsende Anziehungskraft verleihen. Das wieder erstandene Dresden will mit seinen Schätzen und Bauten ausstrahlen und mahnen zugleich: Friedensfreundlich ist der Einstieg ins Jahr 1986 seit Genf. Gesichert werden muss aber der Frieden als Voraussetzung für das erfolgreiche Wirken der Menschheit. 


Viele gute Wünsche dazu, aber ebenso für Eure Gesundheit, für das Glück in Eurem schönen Haus, nach dem ich Sehnsucht habe wie Ihr hoffentlich nach unserem!

Ganz herzlich grüßen Euch Eure Hannelore und Helmut

Helmuts Bildbrief 3 

Dresden, am 18. Dezember 1986

Liebe Rita und lieber Pertti

samt all Euren Kindern, die zuhaus sind

Prosit Neujahr sagt Ihr mir da mit erhobenem Glase. Ein schönes jugendliches Paar, was?

Und die charmante Rita, wie sie den Weisheitstrunk anlächelt. Die Bilder wollten wir schon zum Geburtstag bei Euch haben.

Nun möchten wir Euch sehr gern zu Ritas 51. besuchen. Ich habe eine Einladung zu einer Werkstatt nach TORNIO von Prof. Mäkkinen empfohlen, zwischen 26. Juli und 10. August. Wenn Hannelore von Euch eine Einladung bekommt, könnte ich versuchen, sie mitzunehmen zu ihrer ersten ”Rentnerreise“. Ihr habt uns als beglückte Großeltern Euer erstes Enkelbild geschickt, Ganz herzlich gratulieren wir dazu. Wir warten Silvester auf unser 8. Enkelkind im Lausitzer Revier. 

Ein ausgefülltes Jahr geht zu Ende, viele gute Arbeiten hat es gebracht. Ein paar ruhige Feiertage stehen in Aussicht. Kommt doch ein bißchen rüber dazu. Morgen ist die Lehrstuhlweihnachtsfeier im vollen Atelier, da würdet Ihr auch gut hinein passen. 

Gern denken an Euch

Helmut und Hannelore

Das ausklingende Jahr hat uns viele schöpferische Leistungen abgefordert. Studien, Wettbewerbe und Forschungsarbeiten brachten gute Ergebnisse. Allen Auftraggebern wünschen wir erfolgreiches praktisches Umsetzen in guter Zusammenarbeit.

Mag aus dem Weltfriedensjahr 1986 eine Zeit dauernden Friedens keimen, damit im UNO Jahr der Obdachlosen die Mittel für die Beheimatung aller Menschen wachsen. Kraft und Gesundheit für ein erfolgreiches Wirken zu Gunsten des Fortschritts in der sozialistischen Gesellschafts-, Architektur- und Umweltentwicklung. Dazu kommen zuversichtliche Neujahrsgrüße von den Gesellschaftsbauern der TU mit Ihrem Helmut Trauzettel. Obdachlosen die Mittel für die Beheimatung aller Menschen wachsen. Kraft und Gesundheit für ein erfolgreiches Wirken zu Gunsten des Fortschritts in der sozialistischen Gesellschafts-, Architektur- und Umweltentwicklung. Dazu kommen zuversichtliche Neujahrsgrüße von den Gesellschaftsbauern der TU mit Ihrem Helmut Trauzettel.

Dresden wächst weiter, neuer Vollkommenheit entgegen. Jeder Gast der DDR wünscht unserer entsprechende Gastlichkeit. Jetzt ist auf einem Standort zwischen dem ehemaligen Landtagsgebäude und der Akademie, den zur Zeit dringend erforderlicher Parkraum ausfüllt, ein weiteres Hotel geplant. Unsere Vorstellungen dafür lassen es vom Balkon Europas aus betreten. Die Sekundogenitur bietet den gefälligen Eingang. Dahinter am Fuß der erlebbaren alten Stadtmauer, liegt die Vorfahrt. Durch die gewölbte Stadteinfahrt in der rustikalen Brühlschen Terrasse wird außerdem ein notwendiger Parkraum erreicht, der sich unter dem Hotelbaukörper günstig einordnen lässt. Den Bürgerhaus verwandten Maßstab erhält das Hotel durch Zimmererker, die den Blick in die Länge der Gassen richten, Dresdner Tradition entsprechend. Groberen Maßstab haben die Nachbarbauten von Lipsius und Wallot vor und nach der Jahrhundertwende gebracht. Lediglich Frölichs zeitlich und standortmäßig zwischen den beiden gebaute Sekundogenitur geht zierlichem barocken Formempfinden nach. Wir haben vorgeschlagen, im benachbarten Landtagsgebäude über den darin beheimateten Museen um die noch zerstörten denkwürdigen Säle ein Konferenzzentrum einzurichten. Es erhält über den Turm ebenfalls Anschluß zur Brühlschen Terrasse. Der auf den Wiederaufau wartende Kunstverein kann in drei Ebenen und einer Rampengalerie unter der ”Zitronenpresse“ die große DDR-Kunstausstellung aufnehmen. Die Ecke nach dem Münzgäßchen sollte unbedingt zur Vervollkommnung der Arkade offen gehalten werden. 

Helmuts Reisebücher

Italien war für Trauzettel von Interesse, ebenso wie für die meisten von uns Architekten. Von drei Reisen in den Jahren 1956-58 veröffentlichte er 1962 das Buch ”Italienische Impressionen, Reiseberichte eines Architekten“ mit zahlreichen Fotografien und Zeichnungen.

In den 1980er Jahren war Helmut mehrere Monate als Gastprofessor in Persien (heutiger Irak) und Syrien tätig. Von diesen Reisen veröffentlichte er das Buch ”Syrien, Reisebuch eines Architekten“ (VEB Verlag für Bauwesen Berlin 1988). Dieses Buch ist eine unschätzbare Dokumentation über ein tausendjähriges Erbe blühender Kulturen. Leider hat die unerbittliche Dynastie von al-Assad dieses Erbe seitdem weitgehend zerstört.

Ich habe bereits Helmut Trauzettels finnisches Buch ”Im Zauberland des Sampo, Reisebilder aus Finnland“ (VEB Hinsdorf, Rostock 1985) und seine Vorbereitungen erwähnt. Helmut schickte uns im März 1985 dieses neue Buch.

Helmuts Brief 2 (Fortsetzung)

An diese Stelle passt der Rest des 2. Briefes, der oben begann:

Ich hörte, daß meine Finnlandbilder bisher in 7 Städten gewesen sind und auch im kommenden Jahr noch wandern sollen in Eurem herrlichen Lande. Wir sahen jetzt den Kalevalla-Film in unserem Fernsehen, der hat uns so vieles wieder ganz nahe gebracht. Ihr werdet von Jaenickes über Hiddensee und ihren weiten DDR-Ausflug berichtet bekommen haben.

Heute kam der Jahreswechselgruß vom DDR – Kulturzentrum aus Helsinki mit einer Dresden-Zeichnung von mir. Ihr werdet diese Karte sicher auch erhalten haben. Nehmt sie als Einladung! Gespannt bin ich, ob sich die zweite Buchauflage mit einer finnischen Textausgabe verbinden wird. Ob der Bedarf besteht?

Wie geht die Zusammenarbeit Finnland – DDR im Bauwesen voran? Hat Perttis Mühen Erfolg? Was macht Ihr? Lasst etwas hören! Auch was Eure Kinder machen zwischen Afrika und Tampere. 

An Euch beide, Rita und Pertti denken wir oft in Verbindung mit vielen Geschichten. Herzlich grüßen wir Euch und Eure Kinder sowie Freunde Eures freundlichen Hauses aus Dresden

Hannelore und Helmut

Helmuts Brief 4

Liebe Rita, schönste Großmutter und lieber Pertti, stolzester aller Großväter Finnlands, 

wir gratulieren Euch ganz herzlich zu solch gutem Ansatz eines fruchtbaren Sollariums 

Weiter so im Neuen Jahre, Gesundheit und strotzendes Wachstum in allen drei Generationen. Verstreut darin unsere Grüße und Wünsche!

Wir schicken den Architekten und Interessierten der drei Lebensalter von Pertti bis Pekko einen Bauhauskatalog von einer Ausstellung in Dessau, die aus Westberlin kam, als Weihnachtslektüre.

Von einer Reise, die ich mit Hannelore gemeinsam nach Hamburg und Stuttgart hatte, berichtet mein festräumlicher Flügelaltar. Wir waren überrascht, als in Stuttgart nach meinem Vortrag Anne Linde auf uns zu kam. Die Reise war voll solcher unvorhergesehener Begegnungen. Und wir sehen uns zunächst in Kuba? Vorfreudig warten wir auf Dich im September und richtig glücklich könnten wir werden, wenn die Rita im Reisegepäck wäre. Ja?


In solcher Voraussicht schicken Euch fröhliche Weihnachtsgrüße (1988)

Eure Hannelore und Helmut

Als am ersten Dezember im Dresdner Rathaus die Ausstellung über Hamburgs Stadtplanung eröffnet wurde und sich im Herzen des großen Modells der Michel behauptete, war die Anregung gegeben, für meinen Jahreswechselgruß das bedeutendste Raumerlebnis einer Reise zu wählen, die mich vor wenigen Wochen von der Oberelbe in unsere Partnerstadt am gleichen Fluss führte. Peter Schreier begeisterte mit einem Konzert unseres Kammerorchesters ”Philipp Emanuel Bach“ viertausend Hamburger in diesem weit geschwungenen Klangraum.

Diese ”Öffnung der Herzen“ durch kulturellen Austausch, wie es Hamburgs Oberbürgermeister in seiner Ansprache bei der Vereinbahrungsunterzeichnung wünschte, soll mein festlicher Orgeljubel bewirken, so dachte ich, als Professor Kosaks Zeigestab die Turmsilhouette von St. Michael in aller Anwesenden Blickfeld rückte.

Wechselbeziehungen im Bauwesen gab es seit Jahrhunderten zwischen beiden Elbestädten. Von Hamburg war Gottfried Semper nach Dresden gekommen. Jetzt zieht es Hamburger Gäste in seine wieder aufgebaute Oper.  Fritz Schumacher begann 1909 nach einem fruchtbaren Jahrzehnt als Professor an der Technischen Hochschule Dresden sein Wirken als Leiter des Hochbauamtes und als Stadtbaudirektor in Hamburg, bis er 1933 in den Ruhestand versetzt wurde. 

Und während meiner Vortragsreise an die drei Architektenausbildungsstätten der Hansestadt erfuhr ich, dass E.G. Sonnin erfahrene Barockbaumeister aus Dresden rief, um sich bei diesem gewaltigen Bau beraten zu lassen. Der Erfahrungsaustausch hat wieder begonnen. Mit Prof. Jos Webers, Heckmanns und Machules Studenten gab es anregende Diskussionen. Wie können unsere im zweiten Weltkrieg fast total zerstörten Städte weiter vervollkommnet werden? 

Die beiden Partnerstädte haben sich die Friedenssicherung, Abrüstungs- und Entspannungspolitik als wichtigste Aktivitäten in die gemeinsame Vereinbarung geschrieben. Wollen wir im kommenden Jahre zum Wohlgefallen aller Menschen zu diesem Ziel weltweit vorankommen. 

Das wünscht mit seinen Grüßen Helmut Trauzettel

Helmuts Brief 5

Der Brief ist vom 15. Dezember 1990 datiert, aus der Zeit nach dem Mauerfall   aber die folgenden Bilder wurden um die Mitte der 1980er Jahre aufgenommen.

Lieber Pertti, 

für das ”Neue“ gute Wünsche und herzliche Grüße Dir und Rita samt allen Kindern und Enkeln.


Sei ein stolzer und glücklicher Großvater, erfolgreicher Architekt, bleib ein fröhlicher und aufgeweckter Mensch sowie treuer Freund 


Deinem Helmut

seiner Hannelore 

und unserem nun so groß gewordenem Lande
Wir warten auf Dich

Der Brief ist ziemlich kurz, aber die Kehrseite der Zeichnung von Bautzen vom Petri-Kirchturm aus drückt Helmuts Besorgnis und Sorgfalt aus:

Die Zeichnung listet die wichtigsten Orte und Gebäude der Stadt auf. Darunter befindet sich der Text: 

Vor zwei Jahren – wie weit entfernt sind wir von dieser Zeit – zeigte unser Jahreswechselblatt die westliche Kernstadt in ihrem verfallenen Zustand. Jetzt ist das Deckblatt jener Zeichnung Einband des vorbereiteten Bautzenbuches geworden, das sich ihrer behutsamen Erneuerung widmet. Wird dieses einzigartige Denkmal der Stadtbaukunst für Deutschland gerettet werden können? Mit solchen Hoffnungen gehen die Menschen aus Ost und West erstmals gemeinsam auf das ”Neue“ zu, darunter sind die Mitarbeiter des Lehrstuhls

Gesellschaftsbauten der TU Dresden mit Ihrem HT.

Helmut Trauzettels Einführung in seinem Buch über Bautzen

Auszug des Originaltextes von Pertti Solla:

Als eine Kommission zur Rettung des weitläufigen Zentrums von Bautzen eingerichtet wurde, erhielt ich die Bitte, allen Beteiligten mehr über die Geschichte der Stadt zu erzählen. Insbesondere bestand der Wunsch zu hören, wie diese reiche Geschichte fortgesetzt werden sollte. in die Zukunft durch eine Rettungskampagne. Mein Rat war, die Liebe zu Bautzen zu nutzen, um sie für ein neues Leben zu retten.

Wir blicken zurück auf die tausendjährige Geschichte von Bautzen, die uns wichtig ist, und unser Wille ist es, die Stadt und ihre Besonderheiten auch in Zukunft zu retten. Wir haben es als ein Buch gemacht, in dem Bautzens Geschichte als Kontinuum zukunftsweisender Entwicklungen präsentiert wird.

Die Renovierung der Stadt, egal wie sorgfältig sie durchgeführt wird, ist eine kontinuierliche Weiterentwicklung und Bewertung der bestehenden, insbesondere im Hinblick auf ihre Nutzbarkeit. Bei der Erneuerung einer Stadt kann es nicht nur darum gehen, Platz zu erhalten oder Mängel zu beheben. Renovierung ist erfolgreich, wenn sie die Zukunft der Stadt sichert. Da moderne Lebensformen die Essenz der Stadt beeinflussen, die sich im Laufe der Jahrhunderte gebildet hat, werden auch neue Merkmale identifiziert.

Bautzen wurde eine Zukunft geboten, wie viele der erschöpfenden Orte der ehemaligen DDR. Seit der Vereinigung Deutschlands hat sich in der Innenstadt ein breites Spektrum wirtschaftlicher Aktivitäten herausgebildet, die sich über die gesamte Innenstadt ausbreiten sollen. Es muss Raum gegeben werden, ohne Zerstörung zu verursachen, wenn es sich ausdehnt. Ihr Fortschritt muss den Grenzen und Regeln unterliegen, die das aktuelle Erscheinungsbild der Stadt auferlegt, auch auf Kosten der Entwicklungsmöglichkeiten. Die Geschichte und Traditionen von Bautzen können sich zu einem neuen Leben und einer Oase der Künste entwickeln. Eine vielfältige Kultur muss mit der New Economy Hand in Hand gehen.

Dieses Buch soll verdeutlichen, wie neue Arten von Aktivitäten in die historischen Strukturen der Innenstadt von Bautzen eingebettet werden können. Es soll eine Diskussionsgrundlage für den Erfolg der Stadt und die zukünftige Entwicklung des Bauwesens bieten. Was wertvoll ist, muss erhalten und nicht nur wirtschaftlich zerstört werden. Die Stadt war schon immer ein Zentrum und ein Ort für den Austausch von Ideen, kulturellen Möglichkeiten und Gütern. Sorgfältig getestete Ideen müssen daher als Grundlage für zivilgesellschaftliches Handeln dienen.

Jeder städtische Raum und jedes Gebäude erzielt seine größte Wirkung nur mit dem richtigen Zweck und Umfang. Diese müssen neu definiert werden, insbesondere im Hinblick auf die vernachlässigten Teile der Innenstadt von Bautzen. Die Natur der Stadt besteht in der Wechselbeziehung solcher Dimensionen in der Stadt als Ganzes. Stadterneuerung ist immer die Perfektion von Städten, die das moderne Leben und das Zusammenleben der Bewohner widerspiegelt.

Bautzens Blütezeit war im frühen Mittelalter. Nach einer langen Zeit der Stagnation begann im 19. Jahrhundert ein neuer wirtschaftlicher Aufschwung mit Wachstum über die Mauern hinaus. In den letzten Jahrzehnten der sozialistischen Baupolitik war es machtlos, der sich verschlechternden Vernachlässigung des Zentrums zu folgen. Durch den Zusammenschluss gilt das deutsche Gesetz zur Förderung der Stadtplanung auch für die Ostländer. Es bietet Möglichkeiten für die Erneuerung dieses Kleinods der Stadtplanung in wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Hinsicht, basierend auf sorgfältig ausgearbeiteten Landnutzungs- und Bauplänen.

Das 1000-jährige Bestehen der Stadt wird im Jahr 2002 gefeiert, und zumindest bis dahin muss eine Expertengruppe auf verschiedenen Gebieten das Konzept für die Entwicklung der Stadt fieberhaft fördern. Der Bau von Bautzen muss künstlerische Exzellenz erfordern. Nur in einer so modernisierten Stadt kann ein Gleichgewicht zwischen Alt und Neu gefunden werden.

Während Investoren einen langen Weg zurücklegen, sollten lokale Architekten in die Bestimmung der richtigen Arbeitsweise einbezogen werden. Darüber hinaus halte ich es für wichtig anzumerken, dass nur das Eigentum der Bautzen in den Häusern ihrer Stadt die Grundlage für eine solide Beziehung zwischen den Bürgern und ihrem eigenen Heimatland schafft. Dies lehrt auch Bautzens Geschichte.

Im Bild sieht man Budis, die Hauptstadt des Grenzbezirks Oberlausitz, und eine (Sechsstadt) der Vereinigung von sechs Städten in der Region am 22. April 1709, wie sie stand, als das Feuer ausbrach. Der Mathematikstudent Johann Georg Schreiber hatte diese unvergessliche Erinnerung gezeichnet und zum Drucken vorbereitet und den Bereich des Feuers hellrot markiert.

Er hatte bereits 1700 Details mit Interesse am Gesamtbild dieser Renaissance-Stadt gezeichnet. So wurde mit nahezu geografischer Genauigkeit der erste Stadtplan der Stadt Bautzen erstellt.

Dann um die Jahrtausendwende zeigt Trauzettel wie die notwendige Verbindung des kulturellen Erbes und des  Neuen zu stellen ist. Wer seine Methoden der jahrelangen Planungsarbeit für das historische Zentrum von Bautzen kennt, muss lange suchen um eine vergleichbare Arbeit  zu finden.

Elemente der Methoden sind z. B.: 

  1. Die Natur der Stadt und im Fall einer im Mittelalter gegründeten Stadt die Betonung der historischen Bedeutung
  2. Die Entwicklung der Stadtentwicklung
  3. die Qualität des städtischen Komplexes, die räumliche Erfahrung und die architektonischen Werte, die Eignung der westlichen Kernstadt für neue
  4. Aktivitäten und Restaurierungsrichtlinien, die ökologischen und freien und grünen Ziele, die Wiederaufbau- und Sanierungsziele der westlichen Kernstadt
  5. Studien und Entwürfe für neue Nutzungen, zB ”Neues Leben in den alten Türmen der Stadtmauer“ oder die Wohnqualität in künftig renovierten Bauten.

Ich zeige die Bedeutung des Buches mit verschiedenen Zeichnungen der vaeschiedenen  Funktionen der Stadt auf der Grundkarte:

Der Inhalt der abschließenden Bemerkung von Helmut Trauzettels Buch: ”Ein großer Wendepunkt und Beginn für die Erhaltung, respektvolle Erneuerung und Renovierung alter Städte in den östlichen Bundesstaaten”, d. H. Die gesamte Botscaft des Bautzen Buches, könnte meiner Meinung nach in jedem europäischen Land als gutes Modell in der Stadterneuerung dienen.

Zwei letzte Reisen mit Helmut 

Auf zahlreichen Bauhausreisen hatten wir den luxemburgischen Architekten Jos Weber kennengelernt und uns mit ihm angefreundet. Nach vielen Etappen war er Professor für Architektur an der Akademie der Bildenden Künste in Hamburg.

Weber hatte sehr vielseitige internationale Kontakte, von China bis Kuba. Er war auch der erste und letzte ”westdeutsche” Professor, der gleichzeitig eine Professur an der HAB Weimar in der DDR innehatte und während der DDR eine enge Verbindung zum Bauhaus in Dessau hatte.

Als Jos Weber 1998 60 Jahre alt wurde, veranstaltete er eine große Party. Helmut und ich waren unter den Eingeladenen. Veranstaltungsort war das rote Leuchtschiff im Hamburger Hafen, das über einen funktionierenden Jazzclub und eine Reihe von Hotelzimmern verfügte. Ich weiß nicht, ob das Schiff noch vorhanden ist, aber direkt daneben befand sich ein Gebiet, in das das neue, vielfältige Hafenviertel eingebaut wurde. Daneben stand ein 6-stöckiges Lagerhaus aus rotem Backstein, auf dem Ende 2016 der Konzertsaal der Elbphilharmonie gebaut wurde. Dessen Bauen hat zehn Jahre gedauert und war zehnmal teurer als geplant, aber das Gebäude gewann sofort einen unglaublichen Ruf und Popularität.  Beim Erinnern daran fällt mir Helmuts Wein ”Vom Elbhang” ein.

Leider war die letzte gemeinsame Reise von Helmut, Jos und mir eine unvergessliche Reise des IKAS / ICAT-Kongresses unter der Leitung von Jos Weber im Frühjahr 1989 nach Kuba, Havanna und Umgebung. Leider sind meine beiden großartigen Freunde im Sommer 2003 gestorben.

Helmutin kuvakirje 6

Der letzte Bildbrief, den ich gefunden habe, ist ein Wunsch zum neuen Jahr und in gewisser Weise zum neuen Jahrtausend vom  Dezember 2000.

Die Zeichnung zeigt den Helmut-Weinberg mit seinen Pavillons. Auf der Rückseite sind Fotos des Weinbergs am Elbhang zu verschiedenen Jahreszeiten  So schreibt Helmut:

Liebe Rita, lieber Pertti,

liebenswerte Gartenhausgäste, Ihr sollt zum Jahreswechsel einen Spaziergang zu unserem Weinberg machen und gleichzeitig eingeladen sein, mal wieder mit unserem Elbwein auf gegenseitiges Wohl anzustoßen! Eure Hannelore und Helmut

Ein Jahrtausendbeginn gebietet im Zukunftsinteresse unseres kostbaren Planeten den sorgsamen Umgang mit seinen Schätzen. Welchen Reichtum gilt es zu wahren, welche Gefährdungen zu verhindern, für wieviel Glücklichsein zu danken. Wichtige Vorsätze, großartige Aufgaben für die Menschheit! Strebendes Bemühen um gedeihliches Zusammenleben muß den Sinn des Lebens für jeden Einzelnen sein; darin verbergen sich die Chancen für die Zukunft aller Erdbewohner.

Der Weinberg, den einige ausgewählte Bilder im Lauf des Jahres zeigen, ist zur Reife geführt. Die Pavillons, die von unserem Paradies am Elbhang in die Weite schauen, sind erneuert worden, offen allen Freunden. Dankbar empfängt der Hang wärmenden Sonnenstrahl, segensreichen Regen und das Streicheln des Windes. Der Ruf der Dampfer, die zwischen Hamburg und Prag unterwegs sind, dringt vom Strom herauf. Das Konzert der Vögel lässt uns froh erwachen und ihre Munterkeit verfolgen, bis im Tal die tausend warmen Lichter den Sternen entgegen leuchten. Die Arbeit im Weinberg und das Atelier ermuntern zu frohem Schaffen, für sein Fruchtbarwerden und zum Verarbeiten reichen Erlebens. Jeder Tag wird zum Geschenk. Aus dem Glück der Gemeinsamkeit eines Lebens gewinnen wir Kraft, schicken wir unsere Wünsche an alle uns Nahestehenden für 2001:

Gesundheit, Lebensmut, für den Schritt in das Morgen, für aktives Wirken im Sinne solcher Werterhaltung

Helmuts Söhne und die Mühle

Um meine Erfahrung über Helmuts letzte Jahre aufzufrischen und zu präzisieren habe ich den Kontakt zu seinen Söhnen aktiviert. Ich hatte Ende der 1990er Jahre Hilfe gebraucht bei der Bearbeitung des Wettbewerb-Vorschlages für den Neubau des Dienstgebäudes des Umweltamtes in Dessau. Mir ist eingefallen aus den alten Zeiten, dass ein Sohn von Helmut sich mit Gärten beschäftigte und habe dann in Wörlizt angefragt. Ludwig Trauzettel hat mir freundlich geantwortet.

Das nächste Bild habe ich von Ludwig bekommen. Er ist Helmuts zweitältester Sohn und war Gartendirektor von Dessau-Wörlitz, dem ältesten englischen Landschaftsgarten Mitteleuropas. Er ist schon im Ruhestand, aber er und seine Familie leben noch immer in der Gärtnerwohnung in diesem gotischen Haus.

Im Laufe der Jahrzehnte wurde Helmuts Mühle in den Winden und Böen der Ostsee auf der Insel wieder so baufällig, dass sie  gründlich wieder aufgebaut werden musste. Dies war ein so teurer Job, dass Helmuts  Nachkommen nach dem Tod ihrer Eltern ”Weisser Hirschs Paradiesland“ verkaufen mussten. Die Windmühle, die zu einem Sommerhaus umgebaut wurde, ist nach der Renovierung wieder im ursprünglichen Zustand.

Ein deutscher Professor über Helmut Trauzettel

Betrachten wir Helmut Trauzettel noch aus der Perspektive eines anderen: Es ist Hans-Günther Burkhardt, ein Architekturprofessor, der in Hamburg Einfluss hatte. Bereits Mitte der 1980er Jahre lernte ich Burkhardt bei meinem ersten längeren Aufenthalt in der DDR kennen. Er war häufig an Sitzungen und Seminaren beteiligt, die von Professor Jos Weber organisiert wurden.

Unsere eigentliche Zusammenarbeit begann jedoch erst nach der deutschen Wiedervereinigung im Jahr 1993. Zu dieser Zeit war Burkhardt Projektleiter für das ExWoSt- Projekt (Experimentelles städtisches Wohnen und Umweltintegration) der Entwicklungs- und Forschungsabteilung des Bundesministeriums für Bauwesen. Ich war zu diesem internationalen ExWoSt Dessau Nord Einladungswettbewerb eingeladen worden. Ich nahm zusammen mit den jungen Architekten des Architekturbüros a.men daran teil, darunter auch unser Sohn Jaakob. Wir haben den 1. Preis gewonnen und durften nach den Ergebnissen des Wettbewerbs zwei Wohnhäuser bauen. Das Projekt dauerte mehrere Jahre und damit hatte ich viel mit Burkhardt zu tun. Unsere Freundschaft hat sich bis heute fortgesetzt.

Viele Jahre lang waren wir auch an dem von Jos Weber konzipierten Europa Huis-Projekt beteiligt, an dem Burkhardt als Vertreter von PLL, seinem großen Architektur- und Stadtplanungsbüro, teilnahm. Im Frühjahr 2020 habe ich Hans-Günther Burkhardt nach seiner Meinung und Erinnerungen an unseren Kollegen Helmut Trauzettel gefragt. Hier ist seine Antwort:

”Ich habe Helmut Trauzettel 1984 In Dresden kennengelernt, in der Universität, auf einer Exkursion nach Bautzen und in seinem Zuhause nebst Weinberg am weißen Hirsch. Mit Jos Weber hatten wir eine Gruppe Hamburger Architekturstudenten 10 Tage durch die drei Architekturfakultäten der DDR führen dürfen. Trauzettel hat über drei Jahre diese Exkursion vorbereitet und, zusammen mit Bernd Grönwald aus Weimar, dieses ”Experiment” – aus der Sicht der DDR Staatsführung – durchgesetzt. Das zeigt seine Hartnäckigkeit und gleichzeitige Fähigkeit, dem schwerfälligen Apparat, den der ”realexistierte Sozialismus” ohne Zweifel auch darstellte, ungewöhnliche Entscheidungen abzuringen und dies ohne Mitglied in der SED zu sein. Er war hierbei der einzige Ordinarius in der DDR. 

Nach der  Wende hat sich eine Stimme aus seiner näheren Umgebung erhoben, die kolportierte, dass jemand, der ohne Parteimitgliedschaft so erfolgreich gewesen wäre, ein besonders ”Schlimmer” gewesen sein müsste. Das hat ihn gekränkt besonders, als er spürte, dass diesem Satz auch unter den Westkollegen gelegentlich Glauben geschenkt worden ist. 1984 konnte man von solchen Geschichten noch nichts ahnen. Damals ging man von davon aus, dass die politischen Systeme, trotz aller Schwierigkeiten, im Grunde auf unabsehbare Dauer angelegt wären. So war die Einladung einer studentischen ”Delegation” aus  der alten Bundesrepublik eine Tat, die er, als  überzeugter Sachse, aus einem gesamtdeutsch motivierten Humanismus getan  hat. 

Der Humanismus, den er nicht ohne Grund im Sozialismus geborgen oder zumindest verborgen fand, war neben seinem sächsischen Patriotismus, die Werte die ihn in der DDR gehalten haben. Etliche seiner Studienkollegen sind ja abgewandert und im Westen erfolgreich geworden, er hat das genau beobachtet – Behnisch, Tränkner … Trauzettel hat man eine solche Karriere auch zugetraut. Er hat seine Kraft aber seinem Sachsen gewidmet, und dies mit Erfolg, wenn man die andersartigen Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Theorie in  die Praxis betrachtet, die sich bei dem Auseinanderstreben der politischen Systeme in Deutschland  im Laufe der 40 Jahre ergeben haben. 

Etwas holzschnittartig kann man wohl behaupten, dass die architekturtheoretische Ausbildung  und die bauliche Realisierung in reziproker Qualität den beiden Hälften zu eigen war. Darin liegt eine gewisse Tragik, die die Architekten in der DDR nach der Wende verkraften mussten. In der Bundesrepublik hat man das so nicht sehen wollen. Trauzettel hat darunter gelitten und ”laut gegeben“, Freunde hat er sich damit nicht gemacht, aber Recht hat er gehabt. 

Überhaupt: Trauzettel war im besten Sinne streitfähig, schon zu DDR Zeiten, erst recht nach der Wende. Immerhin hat er den Übergang  an seiner Universität in den drei schwierigen Jahren nach 1990 mit gestalten können und dafür gesorgt, dass gute Kollegen geholt wurden.  Die Aufgeschlossenheit für Neues, aber auch die Sorge um das Bewahren des Vorhandenen, Bewährten,  sind geblieben, die die Architekturausbildung in Dresden fast immer auszeichneten. Das Neue sorgfältig prüfen und das vorhandene Kulturgut unter dem Aspekt den er mit Humanismus umschrieben hat, zu schützen, war ein zentrales Ziel bei Trauzettels Arbeit als Hochschullehrer und Architekt und Städtebauer.

Ich hatte in meiner Zeit als Hochschullehrer in Hamburg eine Studentin im Seminar, die aus der DDR geflüchtet war und zuvor bei Trauzettel studiert hat; sie berichtete voller Hochachtung über Trauzettels Fähigkeiten, seinen Studenten die Vielseitigkeit des kulturellen Erbes und das  notwendigen Neue in Verbindung zu setzen. Wer seine jahrelange Planungsarbeit für das historische Zentrum von Bautzen studiert, muss in der alte Bundesrepublik lange suchen um eine vergleichbare Arbeit  zu finden, ich kenne keine. 

Er würde sich freuen, sähe er die zahllosen  renovierten historischen Stadtzentren in den neuen Ländern heute. Der Eine oder Andere seiner Schüler wird daran seine Verdienste haben. Dass das neue Bauen in der DDR fest im Klammergriff der mächtigen Fertigteilkombinate festsaß hat er, bitter beklagend, in unseren Gesprächen bezeugt. Vielleicht hat er auch den dadurch fehlenden Lerneffekt für Architekten erkannt. Dass Entwerfen und Bauen sich gegenseitig befruchten und erst dadurch qualitätssteigernde Entwicklungen erzielen, darüber hatten wir gesprochen. Er hat das für sich selbst eher ausschließen wollen, vertraute da auf seine herausragenden zeichnerischen Qualitäten, die ja das Korrigieren und Entwickeln in sich bergen. Er wusste aber von vielen seiner Schüler, wie frustrierend die Praxis im großen Schatten der Kombinate gewesen war. Wir haben einige bei unseren Exkursionen getroffen. Trauzettel hat den Wiederaufbau der Frauenkirche für falsch gehalten. Dazu muss man wissen, dass er jahrelang für den Erhalt des Trümmermonuments gekämpft, das ja beräumt werden sollte um Platz zu machen für zweifelhafte Neubauten. Wie er die heutige Situation bewerten würde? Die Kulisse vom rechten Elbufer hätte ihm zumindest gefallen.“

Helmut zum letzten Mal

Kurz vor der überraschenden Eröffnung der deutschen Mauer im September 1989 fanden an der Technischen Universität Dresden eine wissenschaftliche Tagung zum Thema ”Verbesserung der Qualität der Wohnarchitektur durch Stadtentwicklung” statt. Dort habe ich in meinem Vortrag erklärt, was unser Miljöö 2000-Projekt ist. Diese Verhandlungstage waren unser letztes Treffen mit Helmut Trauzettel. Wir haben uns oft mittels verschiedener Medien unterhalten, und so wusste ich, was Professor Burkhardt oben beschreibt. Während dieser Tage im Jahre 1989 konnte ich im Atelier des Paradieses von Helmut & Hannelore am Weissen Hirsch wohnen. Dieses Bild  zeigt diese letzten gemeinsamen Tage.

Helmut Trauzettel wird durch Hannelore Trauzettels Abschiedsworte an ihren Ehemann gut beschrieben: ”Seid nicht traurig, dass er gegangen. Wir sind froh, dass wir ihn hatten!”


Bei der deutschen Fassung des Textes haben mich Helmuts Söhne Ludwig und Andreas Trauzettel unterstützt. Die finnishen Teile des Textes sind teilweise vom finnischen ins deutsche Computer- übersetzt und können einige Fehler enthalten.